APPELL: HERAUS AUS DER SACKGASSE IN AFGHANISTAN!Warum ist es nicht nur das Beste, sondern das schlechthin Notwendige, dass die Bundeswehr umgehend und vollständig aus Afghanistan abzieht?
Weil die anfangs und seither gegenüber der Öffentlichkeit für diesen Kriegangeführten Diskursblasen sämtlich längst geplatzt sind und weil die hinter derDiskursblase von der „gewachsenen deutschen Verantwortung“ verheimlichtentatsächlichen Argumente fatal sind:Die Diskursblasen von Demokratie, Frauenemanzipation, Wohlstand durchBundeswehreinsätze nehmen ihre Erfinder selbst seit langem nicht mehr ernst.Unsere Sicherheit am Hindukusch? Die Terrorquelle schließen? “ Offensichtlichwurde sie durch diese Kriegführung erst richtig geöffnet.Also die „gewachsene deutsche Verantwortung“: „Wir dürfen uns nicht drücken“ usw. Dahinter steckt ein ganz und gar irrationaler und angesichts der deutschenGeschichte fataler Anspruch auf einen Platz unter den führenden Weltmächten. Deutschland ist nach seiner Bevölkerungszahl augenblicklich das 16. Land im Weltranking, mit 1,2 % der Weltbevölkerung. In wenigen Jahren wird es etwa genau 1% der Weltbevölkerung umfassen – soll die Bundeswehr auf dieser BasisWeltgendarm für die 99% spielen? Die Mitgliedschaft in der G 7/G 8, der Anspruchauf einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der UNO usw. erklären sich rein aus derjetzt noch gegebenen relativen wirtschaftlichen Stärke. Daraus folgt keineswegs einAnspruch auf eine entsprechende politische und militärische Weltmachtposition. Einsolcher Automatismus wäre höchst undemokratisch. Sollte Deutschland in die Rolle eines der führenden Mitglieder in einer Art informeller militärischer „Welt-Junta“ aber bloß absichtslos hineingerutscht sein, so gilt es jetzt, zu einer solchenRolle vernünftig nein zu sagen.Der Afghanistankrieg ist dabei der Lackmustest.Dieser Krieg wird von seinen Strategen als „Krieg gegen den Terror“ („War onTerror“) bezeichnet. Dahinter verbirgt sich ein Anti-Guerilla-Krieg von TypVietnam, der außerhalb des Völkerrechts geführt wird, weil die Feinde weder alsKombattanten noch als Verbrecher definiert sind: Wären sie Kombattanten, müsstensie als Gefangene in offen zugänglichen Lagern interniert werden – wären siemutmaßliche) Verbrecher, dürften sie auf keinen Fall ohne Anklage, Prozess undUrteil einfach auf Verdacht und präventiv „gezielt getötet“ und „eliminiert“ werden.Genau das aber ist der strategische Kern dieses Krieges, der daherexterministischen Charakter hat.Das von der Bundeswehr zu verantwortende „Massaker“ (Jürgen Todenhöfer) vonYakob Baj am 4.9.2009 signalisierte geradezu symbolisch, dass die Bundeswehr, fallssie nicht abzieht, genau dieser exterministischen Strategie verpflichtet ist und weitersein wird.Es ist also ein Krieg, dessen entscheidende taktische Mittel „Drohnen“ imwörtlichen und übertragenen Sinne sind: automatische oder von Menschengeflogene Luftangriffe als „gezielte Tötungen“, bei denen zugegebenermaßenunschuldige“ Opfer in erschreckendem Umfang bereits in einem vorherigen CDECollateral Damage Estimate akzeptiert werden, sowie „gezielte Tötungen amBoden“, ebenfalls mit durchschnittlich hohen zivilen Opfern („Taliban-Jagden“genannt) durch Elite-Einheiten wie das KSK. Wie sollen junge Männer ohneSprach- und Kulturkenntnisse einen (von vornherein immer „des Todesschuldigen!?“) „Taliban“ von einem „Unschuldigen“ unterscheiden?Sie müssen sich auf die Informationen und Befehle ihrer Vorgesetzten verlassen, dieebenfalls sprach- und kulturunkundig sind und sich einfach auf die Denunziation vonInformanten“ verlassen. Der Kern dieser Strategie besteht also darin, Terror mit Gegen-Terror zu bekämpfen und sich auf diese Weise an den terroristischenGegner anzugleichen. Kein Wunder, dass dieser wahrhaft schmutzige Krieg es in nun fast zehn Jahren nicht erreicht hat, die „terroristischen Taliban“ zu „eliminieren“ – dasser sie vielmehr offensichtlich vermehrt hat.Das letzte Argument gegen den Abzug ist also die Drohung mit den Folgen:Gnade uns Gott, wenn die Taliban zurückkommen!“ Als ob sie nicht längst zurückwären und als ob nicht die überwältigende Mehrheit auch der Talibangegner inAfghanistan die eine oder die andere Spielart von Islam/„Islamismus“ verträten. Da"Taliban“ ein Plastikwort ist, wird jede Art von Renitenz zu „Taliban“ – und auchdadurch werden es immer mehr. Die jetzige Situation ist eben die Konsequenz der Terrorkrieg-Strategie“ und gänzlich von deren Befürwortern zu vertreten. Von denKritikern dieser Strategie nun das Wunder einer sofortigen alternativen Ideallösungeinzufordern, ist ein Gipfel unfairen Diskussionsstils.Dennoch ist sicher: Weil Eskalation in die Sackgasse geführt hat, gibt es zurDeeskalation keine Alternative. Wer in der Sackgasse steckt, muss umkehren undnicht stur weitermarschieren. Militärischer Rückzug und Deeskalation werden nicht umgehend Wunder wirken, wohl aber bisher noch gar nicht versuchte Optionenöffnen. Das hat auch eine finanzielle Komponente, die nicht verheimlicht werden darf:Der Krieg kostet täglich Unsummen, von denen schon die Hälfte enorme friedlicheAlternativpotentiale eröffnen könnte. Die starke Opposition im Iran zeigt im übrigendas Potential eines innerislamischen Pluralismus – würde die Welt-Junta auch dortmilitärisch intervenieren, so würden die Interventen sofort zum allgemeinenHauptgegner und die Opposition geschwächt werden. Die Wegnahme des äußerenDrucks wird also mittelfristig Schritte zu einem innerafghanischen Ausgleich undeiner innerafghanischen Befriedung auf jeden Fall erleichtern. So viel ist sicher: Die Eskalation des Krieges wird die schon gegebene Katastrophe noch katastrophalerund noch auswegloser machen.Damit steht Deutschland nun für alle sichtbar am Scheideweg: Entweder sich an die Mitgliedschaft in der informellen militärischen „Welt-Junta“ zu klammern und dieexterministische Strategie eines „Terror-Kriegs“ bewusst zu akzeptieren – oder einvernünftiges Nein zu sagen und die Bundeswehr nachhause zu holen, wodurch nicht zuletzt auch die deutschen Soldaten aus Lebensgefahr und der Gefahr von"Befehlsnotständen“ befreit würden. Ein solcher Schritt Deutschlands könnte auchmehreren schon bestehenden Initiativen für eine Friedenskonferenz unterführender Beteiligung von Vertretern aller Gruppen der afghanischenZivilgesellschaft eine entscheidende Unterstützung verleihen.Selbstverständlich sollten leichtfertige Vergleiche mit früheren deutschen Kriegenvermieden werden, wohl aber sollten die Erfahrungen als Warnschilder dienen. Diedeutsche Wehrmacht hatte im Zweiten Weltkrieg, obwohl sie und ihre Nachfolgerbekanntlich bis heute für „sauber“ plädieren, den berüchtigten geheimenKommissarsbefehl“ zu verantworten. Der bestand in nichts anderem als in „gezieltenTötungen“ von tatsächlichen oder vermeintlichen aktiven Kommunisten hinter derOstfront auf bloße Denunziation hin. Heute häufen sich in Afghanistan Meldungenüber „Vorfälle“ mit internationalen Eliteeinheiten, die sehr ernste „Rutschgefahren“signalisieren. Auch wenn die Bundeswehr selten direkt beteiligt sein sollte, sitzt sie imgleichen Boot. Abweichend von den Befürwortern des Afghanistankrieges vertretenwir die Ansicht, dass wir als Deutsche aufgrund unserer militärischen Geschichte sehrwohl fatale Eskalationsprozesse besonders aufmerksam beobachten und besonderskonsequent meiden sollten.Wir können ja nicht ein weiteres Mal auf eine neuerliche „Gnade der spätenGeburt“ warten, weil wir ja sämtlich schon längst geboren sind.Hartmut Dreier für AMOS, Jürgen Link für kultuRRevolutionWir bitten um Unterstützung dieses Appells zwecks VeröffentlichungUnterzeichnung) bis zum 20.1.2010 (Name, Vorname, Wohnort, Beruf/Funktion und/oder Titel). Herzlichen Dank!Jetzt unterzeichnen: http://bangemachen.com/2010/afghanistan/.
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